Wie ich meine Komfortzone mit 0,01 Stundenkilometern verließ

Namibia Titelbild Van Zyls Pass

Es heißt, das Leben beginnt am Ende der eigenen Komfortzone. Mein Leben begann demnach am Van Zyls Pass. Den Van Zyls Pass kannten wir von einer Liste der gefährlichsten Straßen der Welt und er wird wahlweise mit „nur für erfahrene Offroadfahrer“ oder „just stay away from it“ beschrieben. 3.000 Kilometer nach Übernahme unseres Offroadfahrzeugs stehen wir an der Passhöhe und fragen uns, ob 3.000 Kilometer uns zu erfahrenen Offroadfahrern machen. Der Pass liegt nämlich jetzt genau vor uns – man kann ihn nur bergab fahren – von Ost nach West.

Der Van Zyls Pass ist genau genommen keine Straße. Man schlittert schlicht in Zeitlupe einen großen Felshaufen bergab. Bevor es oben losgeht, laufen wir die Strecke einmal zu Fuß ab, pflastern die gröbsten Löcher mit Felsbrocken zu und bügeln potenzielle Schanzen glatt. Nebenbei eine kurze Teambesprechung. Drei Punkte sind wichtig:

1. Soll man vermeiden, dass das Auto aufschaukelt und wie ein Flummi vom Berg hüpft.

2. Falls man ins Rutschen kommt soll man kurz Gas geben, denn bremsen macht es noch schlimmer. Und am wichtigsten ist

3. Dass einer rückwärts vor dem Auto her läuft und einen runter dirigiert, da man im Auto sitzend den Untergrund nicht sieht.

In Gedanken füge ich 4. hinzu: Dem, der vorausläuft, Bescheid geben, wenn man sich für „Gas geben“ entscheidet. Das behalte ich aber lieber für mich, denn niemand mag einen Klugscheißer und ich befürchte, dass man mich nie findet, wenn sie mich hier im Nirgendwo aussetzen.

Um die Beziehung nicht unnötig aufs Spiel zu setzen beschließen wir, dass ich Rubens Beifahrer werde anstatt ihn zu dirigieren. Als wir oben über die Kuppe rutschen gibt es kein zurück mehr. Zwei Minuten, zwei Liter Schweiß und eine Beinahe-Trennung später haben wir das schlimmste Stück geschafft. Das gefährliche Stück ist nur etwa 200 Meter lang, aber der Höhenunterschied beträgt so ungefähr das Selbe (ich weiß, dass das nicht geht und verweise auf den letzten Satz oben). Es gibt eine Stelle, die man nur auf zwei Reifen durchfahren kann. Die anderen beiden Reifen hängen solange ein paar Zentimeter über dem Boden in der Luft. Man sollte ein Wort dafür erfinden. „Fliegfahren“ vielleicht.

Wer den Van Zyls bezwungen hat, darf sich auf einem gar nicht mal so großen Steinhaufen verewigen. Als wir alle vier am Fuß vom Pass angekommen sind, schreiben wir also unsere Namen, die Automodelle, unser Heimatland und das Datum auf einen großen Stein und stoßen dazu mit zwei Whisky-Cola an – mehr Gläser leben zu dem Zeitpunkt leider nicht mehr.

Wer jetzt sagt „Gefährliche Straße am Ende der Welt? Warum nicht? Beziehungsdrama provozieren? Immer gerne!“, der sollte unbedingt auch zum Van Zyls. Dazu zwei Tipps, von denen wir nur einen hatten:

1. die Anreise von Opuwo aus ist schon ein Abenteuer an sich und dauert etwa sieben Stunden bei zügiger Fahrt (wir sind ja erfahrene Offroadfahrer).

2. Bis zum nächsten Campsite nach dem Pass fährt man etwa drei Stunden durch das Mariental, einem der einzigen Orte in Namibia, an denen man nicht wild campen darf. Wobei ich mich frage, ob das je einer überprüft hätte.

Wir schlagen uns also bei einbrechender Dunkelheit und begleitet von wilden Hartmannzebras bis zum Campsite durch und ergattern einmal mehr den letzten Stellplatz. Und obwohl wir uns so ziemlich am Ende der Welt befinden kommt keine Einsamkeit auf: Nach uns kommt eine Gruppe Ü60 Zuckerrohrfarmer aus Südafrika am Campsite an und weil es jetzt schon stockdunkel ist bieten wir allen (!) an, den Platz mit uns zu teilen. Eine halbe Stunde rangieren später kommt einer, den ich „hochroter Kopf“ nenne und der deutsche Vorfahren hat, an unser Lagerfeuer, um sich zu bedanken. Ehe ich mich versehe sind alle Zuckerrohrfarmer am Feuer versammelt, geben uns Jägermeister aus und singen „Ein Prosit der Gemütlichkeit“. Dass dieser eindrucksvolle Tag so urdeutsch endet, hätte ich zwar nicht gedacht, nippe aber doch sehr zufrieden an meinem Jägi und stimme inbrünstig ein.

Namibia KaokoNamibia Van Zyls HartmannbergeNamibia Van Zyls StraßeNamibia Van Zyls Passhöhe

Blick von der Passhöhe ins Mariental. Der wahrscheinlich einsamste Punkt unserer Reise.

Panorama Van Zyls Pass NamibiaNamibia Van Zyls Toyota HiluxNamibia Van Zyls Pass

Das, werte Herrn, ist der Pass. Wenn man auf diesem Bild keine Straße erkennt, liegt es daran, dass es eigentlich keine gibt.

 

 

Namibia Van Zyls Tafel SteinNamibia Van Zyls RubenNamibia Van Zyls SteineNamibia Van Zyls Himba Kids

Diese zwei netten Herren tauchten in den Hartmannbergen im Nordosten Namibias plötzlich aus dem Nichts auf. Der Rechte hatte Schuhe in circa Größe 44 an, weshalb Karin ihm ihre Schuhe schenkt. Er trägt jetzt ein Paar rote Pumas und ich bin sicher, dass sie bei ihm häufiger getragen werden als bei ihr. Wir hatten diese Schuhe in den Reisetagen davor jedenfalls noch nie gesehen. Ich frage mich, was noch alles Geheimnisvolles in diesem Koffer mit uns in Afrika war… (Unter anderem eine Flasche Champagner, wie sich später herausstellen sollte.)

Panorama Mariental NamibiaNamibia MarientalNamibia Van Zyls rote Tonne

Nach dem Pass fahren wir durch das einsame Mariental. Der einzige Orientierungspunkt ist nach etwa 50 Kilometern eine rote Tonne, bei der man links abbiegen muss.

Namibia CampsiteStachelbaum Namibia

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